Ablauf

18:00-20:00 Uhr IG Blech | 18:00 Uhr Jazz trifft Politik

Marching Band IG Blech

»IG Blech« marschiert unmittelbar vor Beginn des 10. Jubiläums vom Potsdamer Platz bis zum Brandenburger Tor und zurück, anschließend zum Festivalstandort. Die ersten musikalischen Gehversuche finden vor mehr als 35 Jahren in der Hasenheide statt. Weil manche keine Noten lesen können, müssen alle auswendig spielen – ist das gerecht? Und trotzdem wird es das Geheimnis ihres Erfolgs: Sie spielen bekannte Hits mit völlig neuen Texten und ganz anderen Melodien … und keiner merkt es. So fällt dann der Beschluss: Das bisschen Musik, das sie so hören, machen sie in Zukunft selbst.

Nach der ersten CD sind die Reaktionen zwiespältig: helle Freude bei den Hörern, tiefe Nachdenklichkeit bei den Kritikern. Schließlich würdigt der Verband der Taubenzüchter das Machwerk. Von der Verleihung des Preises wird jedoch abgesehen, weil man ihn sowieso nie zurückbekommen hätten. Jetzt sind die Erwartungen hoch: Werden auch andere Hörer die Musik klaglos hinnehmen? Oder wird IG Blech wieder in den Niederungen normaler Garagenbands verschwinden? Heute wissen wir: Diese Befürchtungen waren unbegründet, denn nach wenigen Takten ist der Stock zerbrochen, das Publikum geht enthusiastisch mit, Konzentration bis zur Atemlosigkeit für diese handgeklopfte und mundgeblasene Herausforderung an die Gehörgänge.

IG Blech – seit 35 Jahren nun anerkannter Kulturausübungsbetrieb mit zwei Azubis, die zunächst nur die Instrumentenkoffer tragen, dann zusätzlich auch Nachschläge verkraften müssen, aber später mit ernsthaften musikalischen Tätigkeiten betraut werden sollen. Vielleicht dürfen sie schon beim nächsten Konzert das Bier holen. Eine fröhliche Gesellschaft eben, für den stillen Genießer, dem es auch mal etwas lauter sein darf: IG Blech – mit der Lizenz zum Tröten.

Geschichtliches: IG Blech, seit über 35 Jahren blasmusikalisch ganz vorn, ist Kulturinstitution und Legende. Heute sind jiddische Tanzlieder genauso im Programm wie afrikanische Rhythmen, italienische Filmmusiken und türkische Tänze. Gespielt wird auf Bühnen und Straßen, auf Schiffen und Gummischläuchen. 4 Trompeten, 3 Posaunen, 2 Altsaxophone, 2 Tenorsaxophone, 2 Sopransaxophone, 2 Baritonsaxophone, Tuba und Percussion schaffen den unverwechselbaren Sound: HeavyMessingWorldMusic vom Allerfeinsten. Doch jede Beschreibung spottet dem Unerhörten: Musik mit dem Charme der überreifen Limone, der Spritzigkeit des alternden Frühlings und dem Witz ostfriesischer Trachtengruppen. Ohne für die folgen Verantwortung zu übernehmen, bietet IG Blech vollen Einsatz, Note für Note, dargeboten mit der Präzision der Dampframme. Wenn es in der heutigen Zeit noch echte menschliche Wärme gäbe, könnte man ohne Übertreibung behaupten: Musik, so wertvoll wie ein kleines Stück Holz. Und das allerbeste ist: Sie singen nicht! 

Beginn

18:00 – 20:00 Uhr

»IG Blech« marschiert unmittelbar vor Beginn des 10. Jubiläums vom Potsdamer Platz bis zum Brandenburger Tor und zurück, anschließend zum Festivalstandort.

Konzert/Talk: Jazz trifft Politik

Ein Auftakt der besonderen Art. Redet man über das Verhältnis des Jazz zur Politik, so verstand man in der Vergangenheit darunter meist den Ausdruck einer radikalen Spielhaltung vieler Musiker – in den USA wie in Europa –, die zugleich als Anklage von gesellschaftlichen Missständen und Bekenntnis zu Freiheit und Gleichheit der Menschen zu verstehen war. Dass Jazzmusikerinnen und -musiker auch heute noch politische Menschen sind, die vor allem aber auch ihre eigene Stellung in der allgemeinen kulturellen Wertschätzung hinterfragen, soll die Auftaktveranstaltung des diesjährigen Festivals »Jazz in den Ministergärten« zeigen.
Wird deren besonderes, auf Improvisation basierendes ästhetisches Konzept bei den politischen Entscheidern wahrgenommen? Wird ihre, weder mit E- noch popmusikalischen Kriterien fassbare musikalische Ausdrucksform im verantwortlichen politischen Raum gewürdigt? Und, wenn ja, wie stellt sich Kulturpolitik auf Bundesebene die Umsetzung einer Unterstützung vor?

Auf Einladung der Bundeskonferenz Jazz werden in der hessischen Landesvertretung die Musikerinnen Julia Hülsmann und Angelika Niescier mit einem Vertreter/einer Vertreterin der Kulturpolitik des Bundes zusammentreffen, um über genau diese Fragen zu sprechen. Die Moderation übernimmt der Leiter des Darmstädter Jazzinstituts, Dr. Wolfram Knauer. Das Ganze in Form eines JazzTalks, einer Veranstaltungsform, die das Jazzinstitut in Darmstadt seit inzwischen über zehn Jahren ausgesprochen erfolgreich umsetzt. Diese Kombination aus Konzert und entspanntem Gespräch wird aus gegebenem Anlass von Hessen in die Hauptstadt exportiert.

Julia Hülsmann wird 1968 in Bonn geboren, lernt früh das Klavierspielen und gründet mit 16 Jahren ihre erste Band. 1991 zieht sie nach Berlin und beginnt dort ihr Studium an der Hochschule der Künste bei Walter Norris, Aki Takase, Sigi Busch, David Friedman, Jerry Granelli und Kirk Nurock. Ihr Studium schließt sie 1996 mit einer Diplomarbeit zum Thema »Müssen wir anders sein? Zum Selbstverständnis von Jazzpianistinnen« ab. Zuvor spielt sie bereits im Bundesjugendjazzorchesters (BuJazzO) unter der Leitung von Peter Herbolzheimer. Mit einem Stipendium des Berliner Senats finanziert sie Anfang 2000 einen Studien-Aufentalt in New York. Dort hat sie Unterricht bei Richie Beirach, Maria Schneider, Gil Goldstein und Jane Ira Bloom.

Ende der 1990er beginnt ihre erfolgreiche Karriere als Jazzmusikerin gemeinsam mit ihrem Trio, zu dem noch Marc Muellbauer (Kontrabass) und Heinrich Köberling, (Schlagzeug) gehören. Mit der norwegischen Sängerin Rebekka Bakken vertont sie Gedichte von E.E. Cummings und veröffentlicht die CD »Scattering Poems« bei dem Münchener Label ACT im Januar 2003, für die sie den German Jazz Award (den Vorgänger des ECHO Jazz) erhält. Es folgen zwei weitere Alben bei ACT (Julia Hülsmann Trio with Anna Lauvergnac: Come Closer und Julia Hülsmann Trio with Roger Cicero: Good Morning Midnight). 2008 wechselt Hülsmann zum renommierten Label ECM des Produzenten Manfred Eicher. Für ECM nimmt Julia Hülsmann mit ihrem Trio (mit Marc Muellbauer und Heinrich Köbberling) im Rainbow Studio in Oslo »The End of a Summer« auf. Es folgen die CD »Fasil« mit Marc Sinan, sowie Anfang 2011 die zweite ECM-CD ihres Trios, »Imprint«.

Seit Ende 2010 ist Julia Hülsmann eine der Sprecherinnen der Bundeskonferenz Jazz, einem losen Bündnis unterschiedlicher Produktivkräfte der deutschen Jazzszene, die sich zum Ziel gesetzt hat die Situation des Jazz und der aktuellen improvisierten Musik auf die kulturpolitische Agenda der Bundesrepublik zu bringen. »Klar und auf das Wesentliche reduziert: Bei Julia Hülsmanns Klavierspiel ist der Raum zwischen den Tönen so wichtig wie die Töne selbst, es geht um Gleichgewicht, Ausgewogenheit und natürlich wie immer im Jazz um Authentizität.« (Mauretta Heinzelmann, NDR-Kultur)

Angelika Niescier wurde 1970 in Szczecin/Stettin geboren. Die Kölner Saxofonistin mit den polnischen Wurzeln zählt mit ihrer Band sublim (Pianist Florian Weber, Sebastian Räther am Bass und Schlagzeuger Christoph Hillmann) zu den innovativsten und künstlerisch herausragenden Protagonisten des zeitgenössischen europäischen Jazz. Für die Produktion sublim III (2009) wurde Niescier mit dem Vierteljahrespreis der deutschen Schallplattenkritik ausgezeichnet. Sie selbst wurde als Musikerin und Komponistin bereits vielfach ausgezeichnet. Im vergangenen Jahr erhielt sie den ECHO Jazz 2010 in der Kategorie »Newcomer des Jahres (national)«.

Angelika Niescier, die an der Folkwang Hochschule in Essen studierte, bereiste auf unzähligen Auslandstourneen des Goethe-Instituts als deutsche Kulturbotschafterin die halbe Welt, brillierte als Komponistin und Initiatorin unzähliger interdisziplinärer Kulturprojekte – ob Tanztheater, Orchestermusik oder Filmmusik – und war 2008 erster Improviser in Residence für das renommierte Moers Festival, wo sie eine Vielzahl Aufsehen erregender Begegnungen zwischen improvisierter Musik und der Bevölkerung initiierte.

»Satt und farbenreich ist der Ton, virtuos die Technik, die von Energie, Inspirationsfülle und Mitteilungsdruck angetrieben scheint, so als ob die Spielerin nie dafür hätte üben müssen.« (Ulrich Olshausen, FAZ)

Dr. Wolfram Knauer studierte Musikwissenschaft, Anglistik/Amerikanistik, Kunstgeschichte und Soziologie an der Universität Kiel. Er leitet das Jazzinstitut Darmstadt seit dessen Gründung im Jahr 1990, lehrte daneben an mehreren deutschen Hochschulen und Universitäten, ist Herausgeber der Darmstädter Beiträge zur Jazzforschung und Mitglied im Herausgebergremium der University of Michigan Press. Knauer berät das amerikanische New Grove Dictionary of Jazz für den Bereich des europäischen Jazz, schrieb analytische Artikel für das mehrfach ausgezeichnete International Dictionary of Black Composers. 2008 wurde er als erster Europäer zum Louis Armstrong-Professor an die New Yorker Columbia University berufen und lehrte dort ein Semester im Fachbereich Musik- und vergleichende Literaturwissenschaft. Darüber hinaus ist Knauer Autor wissenschaftlicher Beiträge in Büchern und Fachzeitschriften. Zuletzt erschien 2010 seine Louis Armstrong-Biographie für den Leipziger reclam-Verlag. Außerdem ist Knauer Vorsitzender des Musikbeirats des Goethe-Instituts. Für seine Verdienste beim Aufbau des Jazzinstituts Darmstadt als international renommiertes Forschungs- und Informationszentrum erhielt er 2002 den vom Land Hessen verliehenen Hessischen Jazzpreis.

Beginn

18:00 Uhr
Landesvertretung Hessen

Ein Gespräch mit den Musikerinnen Julia Hülsmann, Angelika Niescier und einer Vertreterin/einem Vertreter der Bundes-Kulturpolitik (tba), moderiert von Dr. Wolfram Knauer (Jazzinstitut Darmstadt) & ein Konzert mit Julia Hülsmann (p) / Angelika Niescier (sax/bcl) / Marc Muellbauer (b) / Christoph Hillmann (d)